Forschungsprojekt

Mensch und Landschaft im Holozän an einer geoökologischen Schlüsselstelle – Geomorphologisch-bodengeographische Untersuchungen im Raum Vráble, Slowakei

Im Mittelpunkt des von der DFG geförderten Forschungsprojektes steht die in der Südwestslowakei gelegene frühbronzezeitliche Siedlung Fidvár bei Vráble. Umgeben von fruchtbaren Lösslandschaften und günstig im Vorland der Slowakischen Mittel- und Erzgebirge mit ihren polymetallischen Lagerstätten gelegen, hatte sie sich als Großsiedlung von überregionaler kultureller und ökonomischer Bedeutung innerhalb des frühbronzezeitlichen Siedlungsnetzes etablieren können. Die Kulturen Hatvan, Aunjetitz und Mad’arovce hatten vermutlich von 2250 bis 1500 v. Chr. hier gesiedelt, eine Entwicklungskontinuität, die im Landschaftsbild durch den Aufbau eines mehrschichtigen Siedlungshügels dokumentiert ist. Bislang noch unklar ist jedoch das Ende der Siedlungstätigkeit, ob klimatische Umbrüche, anthropogene Übernutzung oder gar eine Teilzerstörung durch fluviale Erosion zur Aufgabe des Siedlungsplatzes führten. Von diesen Fragen ausgehend sollen die quartäre Landschaftsgenese, die Rekonstruktion der Umweltbedingungen zur Zeit der Besiedlung und die Änderungen, die durch den Eingriff des Menschen hervorgerufen wurden, im Zentrum der Untersuchungen stehen – nicht nur lokal für Fidvár, sondern auch Rückschlüsse zulassend auf großräumig wirksame Prozesse und Entwicklungen.

Projektziele

Ziel des Projektes ist die zeitlich und räumlich hochaufgelöste Erfassung der holozänen Landschaftsgeschichte des frühbronzezeitlichen Siedlungsraumes Vrábles und seiner Umgebung, einschließlich der Rekonstruktion der bronzezeitlichen Landoberfläche sowie der Flussgeschichte der Žitava. Es ist davon auszugehen, dass das Paläorelief wesentlich differenzierter war und die Siedlungslage von Fidvár zur Bronzezeit möglicherweise noch deutlich exponierter war als heute. Eine differenzierte Quantifizierung der Oberflächen- und Bodenveränderungen ist durch die ausgezeichnete Archivsituation (Auesedimente, Lössprofile, Kolluvien) möglich, die darüber hinaus detaillierte chronostratigraphische Erkenntnisse zur Klima- und Landschaftsgeschichte erwarten lässt. Für die Analyse der Relief- und Untergrundverhältnisse auf verschiedenen Maßstabsebenen ist dabei ein umfassendes Methodenspektrum vorgesehen: refraktionsseismische und geoelektrische Tomographien (2D/3D), Laserscanning, Rammkernsondierungen sowie umfangreiche bodenkundlich-sedimentologische sowie geomorphologische Arbeiten sollen sowohl auf dem eigentlichen Siedlungsareal (on-site) als auch in dessen Umfeld (off-site) erfolgen.


Geoelektrische Tomographie

Abbildung: Geoelektrische Tomographie über den Siedlungshügel (von Süden nach Norden) als einem der Geoarchive. Anhand der unterschiedlichen Widerstandswerte wird die Grundstrukturierung des Siedlungshügels sichtbar: fluviale Sedimente an der Basis, Löss und darüber mehrere Meter mächtige Siedlungsschichten.

Darüber hinaus bietet das Untersuchungsgebiet die Chance, die Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zwischen den Umweltbedingungen (Klima, Relief, Boden) und dem in unterschiedlicher Weise wirtschaftenden Menschen zu untersuchen und quantifizieren. So sollen zum einen die Folgen unmittelbarer anthropogener Einflüsse auf die Landschaft und deren Nutzungspotenzial nachgewiesen werden, etwa durch Metallverarbeitung, agrarische Nutzung und Entwaldung. Gleichzeitig gilt es die Auswirkungen von Klimaschwankungen, Umweltveränderungen und Morphodynamik auf die Landnutzung und Siedlungstätigkeit nachzuvollziehen.

Ergebnisse zur Geo- und Siedlungsdynamik werden nicht nur für den unmittelbaren Siedlungsplatz Fidvár, sondern auch für den erweiterten Landschaftsraum erwartet. So sollen die untersuchten Geoarchive, Stratigraphien und Prozessdynamiken übergreifende Aussagen u.a. zur Geomorphogenese und zum Klima in einem Naturraum erbringen, der zu den prägnantesten Grenz- und Übergangsregionen Europas zählt. Gerade die Lage am Schnittpunkt verschiedener klimatischer, pedologischer, geomorphodynamischer und vegetationsgeographischer Regionen macht den Einfluss von Umweltveränderungen auf frühe Agrarkulturen besonders wirksam, so dass ein Einbeziehen der gesamten Siedlungslandschaft bis hin zu den Erzlagerstätten in den angrenzenden Nordwestkarpaten von allgemeinem Forschungsinteresse ist.

Zusammenarbeit im Forschungsverbund

Die Erforschung der sozialen, ökologisch-ökonomischen, kulturellen und politischen Dimensionen des bronzezeitlichen Phänomens erfordert die Berücksichtigung der Wechselbeziehungen von Mensch und Umwelt. Das Wissen um die Bedeutung dieser Zusammenhänge und Interaktionen bildete den Ausgangspunkt für die gemeinsame Entwicklung eines interdisziplinären Forschungskonzeptes. Die bisherigen Arbeiten erfolgten in enger Kooperation mit dem Bereich Siedlungsarchäologie, eine Zusammenarbeit, die – unter Einbindung von Montanarchäologie und Vegetationsgeschichte – im Rahmen eines von der DFG finanzierten Bündelprojektes ausgebaut werden soll. Auf diese Weise sollen Kompetenzen auf den Gebieten Archäologie, Geoökologie, Geoarchäologie und Archäometrie in vorbildlicher Weise zusammengeführt und die Potentiale der Zusammenarbeit genutzt werden.


Projektpartner im Forschungsverbund „Fidvár bei Vráble – eine Siedlung an der Schnittstelle der alteuropäischen Metallurgieprovinzen. Interkulturelle Dynamik und Umweltveränderungen an einer landschaftsökologischen Schlüsselregion im östlichen Zentraleuropa“:

Projekt 1 - Siedlungsarchäologie
Römisch-Germanische Kommission (RGK)

des Deutschen Archäologischen Instituts

Frankfurt am Main

Archäologisches Institut der Slowakischen Akademie der Wissenschaften

Nitra/Slowakei

Naturwissenschaftliches Referat an der

Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts

Berlin

Johannes Gutenberg-Universität, Institut für Anthropologie

Arbeitsgruppe Palaeogenetik SB II

Mainz


Projekt 2 - Montanarchäologie
Ruhr-Universität Bochum, Institut für Archäologische Wissenschaften

Lehrstuhl für Ur- und Frühgeschichte

Bochum

Deutsches Bergbau-Museum Bochum

Forschungsstelle Archäologie und Materialwissenschaften

Forschungsbereich Archäometallurgie

Bochum

Projekt 3 - Archäobotanik
Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung

Wilhelmshaven

Projekt 4 - Geographie Geographisches Institut der Universität Heidelberg

Abteilung Labor für Geomorphologie und Geoökologie

Fidvar bei Vrable

Abbildung: Fidvár bei Vráble. Auf der lössbedeckten Terrasse oberhalb der rezenten Flussaue der Žitava liegen die Zeugnisse einer frühbronzezeitlichen Siedlung (Flurname Fidvár bei Vráble). Mehrere Grabenanlagen durchziehen bogenförmig den Siedlungshügel. Über eine sechs Meter hohe, steile Kante fällte das Gelände zur Aue ab.

Lage des Untersuchungsgebietes

Abbildung: Lage und Charakterisierung des Untersuchungsgebietes. An der Grenze der Westkarpaten zum Pannonischen Becken (Donautiefland) sowie im Überschneidungsbereich der Hatvan- und Aunjetitz-Kulturen gelegen, diente die Zentralsiedlung Fidvár bei Vráble als Brückenkopf zu den metallurgischen Lagerstätten des slowakischen Mittel- und Erzgebirges.

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Letzte Änderung: 19.01.2011